Umwelt- und Klimaflucht

Umweltkatastrophen und der Klimawandel nehmen heute einen großen Platz in den täglichen Berichterstattungen und Nachrichtensendungen ein. Die Flutkatastrophe in Pakistan 2010, ausgelöst durch einen über alle Maßen starken Monsunregen, ist das aktuelle Beispiel für eine humanitäre Katastrophe dieser Art. Nach UN- Schätzungen1 sind davon 20 Millionen Menschen betroffen und benötigen dringend Hilfe. Das heißt auch, dass sich mehrere Millionen Menschen auf der Flucht oder bereits in so genannten Notlagern befinden, in denen sie hoffen Schutz und Hilfe zu empfangen.

In der Definition von Flüchtlingen in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 findet sich allerdings in keinem Wort, dass auch Menschen als Flüchtlinge gelten, die aufgrund von geänderten Umweltbedingungen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und in ihrem eigenen oder einem anderen Land Schutz suchen müssen. Dort wird als Flüchtling definiert, „(…) wer sich (…) aus wohlbegründeter Furcht, aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Gesinnung verfolgt zu werden, außerhalb seines Heimatlandes befindet (…)“.2 Später wurde diese Definition noch erweitert und auch Flüchtlinge aus Gründen von Krieg und Gewalt anerkannt.
Aber: reicht diese Definition aus, um der Komplexität von Fluchtursachen gerecht zu werden? Und um Betroffenen von Umweltkatastrophen sowie negativen Klimaveränderungen größtmögliche Sicherheit zu gewähren?


Umweltflüchtlinge anerkennen?
Zumindest scheint die Furcht vor dem Tod in Fluten und die daraus resultierende Flucht wohlbegründet zu sein. Beispiele für andere wohlbegründete Fluchtmotive heute und in der Zukunft, in der ganzen Welt und mit Auswirkung auf Europa, gibt es genug. Vor Umweltkatastrophen sind wir auch in Europa nicht geschützt, obwohl wir sicherlich nicht solche Ausmaße zu befürchten haben. Auch vom schleichenden Klimawandel sind wir zunächst nur marginal betroffenen.
Auf Europa kommt vielmehr neben der Aufgabe die Auswirkungen des Klimawandels zu verringern, auch die Verantwortung zu, sich um die Vertriebenen und Flüchtlinge zukünftiger Umweltkatastrophen und Klimaveränderungen zu kümmern, das heißt ihnen Schutz und Hilfe zu gewähren, in deren Land oder wenn nicht anders möglich im eigenen Land.
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 aller CO2- Emissionen3, die als Hauptverursacher des Klimawandels gelten, kommen noch heute aus den vergleichsweise reichen Industriestaaten der Erde, wohingegen die Auswirkungen des Klimawandels, wie Dürre und Desertifikation, Fluten und steigende Meeresspiegel, vor allem die nicht entwickelten Länder und die Entwicklungsländer treffen – also die Ärmsten und die Armen.

Deren Not wird durch die Veränderungen des Klimas noch verstärkt werden und sie müssen sich zu der schon prekären Lage, extremen Verschlechterungen der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Situation stellen, wie Greenpeace in einer Veröffentlichung4 am Beispiel des Sahelzone-Staates Mali darlegt.

Fortschreitende Wüstenbildung in Mali
Der Staat Mali gehört zu den ärmsten Staaten der Erde und die Bewohner leiden vor allem im Norden des Staates unter äußerst niedrigen Niederschlagsmengen und der damit zusammenhängenden Ausweitung der Wüste, was beides zumindest indirekt durch den weltweiten Klimawandel ausgelöst oder zumindest verschärft wurde.5
Folgen dieser Entwicklung sind schlechteste wirtschaftliche Ausgangslagen, politische Instabilität, Hunger bis hin zu Hungersnöten und damit einhergehend eine Fluchtmigration, zunächst in die weniger betroffenen Gebiete des eigenen Landes, bei einem Ausweiten der extremen Bedingungen aber auch in die Nachbarländer. Ein kleiner Teil dieser Flüchtlinge erreicht auch Europa.

Der Klimawandel selbst scheint dabei nicht mehr zu verhindern zu sein, nur noch einzugrenzen. Aus diesem Grund wäre es fatal sich mit den Folgen erst bei deren Eintreten auseinanderzusetzen, anstatt sehenden Auges Lösungen anzustreben. Nach heutiger Rechtslage hätte ein Flüchtling, der vor extremen Umwelt- und Klimabedingungen flieht keine Möglichkeit, in Deutschland oder anderen EU-Staaten mehr als eine Basisversorgung zu erhalten. Nach Möglichkeit wird er wieder ins Herkunftsland geschickt, obwohl seine Flucht wohlbegründet war und im Herkunftsland schon jetzt oder in Zukunft gar kein menschenwürdiges Leben mehr möglich ist. Weil wie im Falle Pakistans die Infrastruktur zumeist völlig zerstört ist, ganze Ernten verloren gingen und noch unklar ist, wie der Staat Pakistan mit dieser verheerenden Krise umgehen kann.

Europa muss deshalb einen unbürokratischen Weg finden, mit den Betroffenen schleichender klimatischer Entwicklungen und plötzlicher Naturkatastrophen umzugehen, die dem eigenen Beitrag zu deren Not und der Verantwortung gegenüber der Menschheit gerecht wird.

Zur vertiefenden Lektüre sei die Publikation „Umweltflüchtlinge. Ursachen und Lösungsansätze“ der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) empfohlen.

Simon Oschwald

__________________________

ochaonline.un.org 2010; Zugriff 10.10.2010.

2 Binnenflüchtlinge ebenfalls nicht dazugerechnet.

3 Jakobeit; Methman (2007): Klimaflüchtlinge – Die verleugnete Katastrophe; Universität Hamburg; S.2.

4 Ebd. S. 18.

5 Misswirtschaft, starkes Bevölkerungswachstum etc. spielen natürlich auch eine Rolle und dürfen in der Betrachtung Malis nicht außen vor gelassen werden.

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