Erster Beitrag zum Urteil über die rituelle Beschneidung von Jungen!

Beschneidungen verbieten?

Das Kölner Landgericht hatte es sicherlich nicht leicht die Entscheidung gegen die Beschneidung von Jungen zu treffen, dass die körperliche Unversertheit schwerer wiegt, als die Freiheit der Religionsausübung. Konfliktfrei ist das kaum zu lösen, ohne dass eine der Parteien sich zurücknehmen muss. Zumindest die Rechtsprechung kennt keinen Kompromiss. 4000 Jahre alte Traditionen lassen sich allerdings auch schlecht vor Gericht verhandeln, das nur gesetzeskonform oder gesetzeswidrig kennt, aber kaum die Tiefe der religiösen Bedeutung  oder den kulturellen Wert für eine Gemeinschaft erfassen kann, und wenn nur in der Urteilsbegründung.

Für Nicht-Juden und Nicht-Moslems, v.a. für Atheisten, macht das Beschneidungsritual wenig Sinn und kann eigentlich abgeschafft werden. Die christliche Taufe macht aus diesem Blickwinkel so auch keinen Sinn. Dass sie schmerzfrei abläuft ist in dieser Debatte sicherlich vorteilhaft für die Kirchen, sieht doch die jüdische und muslimische Methode, ihre Nachkommen in den Kreis der Gemeinschaft aufzunehmen, aus wie ein barbarischer Akt der Verstümmelung, aus Zeiten von Tieropfern und anderen blutigen Ritualen. Aber die Taufe ist auch ein uraltes Ritual ein Kind in die Gemeinschaft aufzunehmen, ein erster Initiationsritus, eine bewusste Entscheidung des Kindes, ist das auch nicht, aber immerhin kein schmerzhaftes Entfernen eines Körperteils, auch wenn es nur ein kleiner wenig beachteter, aber zugleich sensibler Körperteil ist.

Es ist immer ein heheres Motiv für körperliche Unversertheit zu streiten, das selbe gilt für Meinungs- und Gewissensfreiheit und auch für Religionsfreiheit. Kann man aber gleichzeitig für alles sein? Freilich! Dummerweise ist das kein additiver Vorgang: Meinungsfreiheit + Religionsfreiheit + körperliche Unversertheit addieren sich nicht zu DER FREIHEIT. Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit stehen sich sehr häufig diametral gegenüber, die Mohammed- Karikaturen eines dänischen Zeichners haben das vor Jahren gezeigt, aber auch ein aktuelles Titelbild des Satiremagazins Titanic gegen das die römisch- katholische Kirche gerichtlich vorgegangen ist.

Jetzt stehen sich körperliche Unversertheit und Religionsfreiheit gegenüber. Der Konflikt ist überrasschend scharf. Ich kann mich nicht erinnern kann, dass schon vor dem Urteil eine große Debatte darüber geführt worden wäre.

Vielleicht ist jetzt aber auch ein Punkt erreicht an dem wir wieder ein Grenzziehung vornehmen müssen. Wir sind gegen körperliche Eingriffe bei kleinen Kindern, wenn diese nicht medizinisch notwendig sind!

„Die Freiheit des Einen hört da auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt“, sagte Kant etwa!  Weshalb selbstverständlich Beschneidungen zu verbieten sind. Man beschneidet doch die Freiheit des jüdischen oder muslimischen Jungen mit Vorhaut aufzuwachsen und sogar sein Erwachsenenleben zu führen. Man beschneidet vielleicht sogar seine Sexualität. Man darf es also nicht!

Hexenverbrennungen, als religiöser Ritus des Abendlandes wurden auch zu Recht beendet. Wir möchten nicht, dass dieser wieder eingeführt wird, in dem man Menschen wahllos zu Tode brachte, weil sie scheinbar vom Teufel besessen waren. Die Beschneidung von Mädchen einzuführen, wie es in manchen Gemeinschaften Afrikas fürchterlicher Brauch ist, ist auch nicht das Ziel unserer Gesellschaft. Solche Genitalverstümmelungen brauchen wir nicht zu tolerieren. Die Steinigung für Sünder einzuführen kommt „Gottseidank“ auch Niemandem in den Sinn.

Aber ist das alles wirklich vergleichbar?

Die Hexenverbrennung war eine willkürliche Ermordung von Unliebsamen, ungeliebten Aussenseitern. Die Beschneidung der Mädchen, ist vielleicht auch ein Initiationsritus aber einer der Frauen ihren untergeordneten Platz zuweist. Es ist aus meiner Sicht in erster Linie ein Herrschaftsinstrument, wobei auch dessen kultureller Aspekt allerdings völlig außer Acht gelassen wird.  Die Steinigung von Sündern, wie sie in manchen islamistischen Staaten (nicht zu verwechseln mit muslimischen Staaten), im Namen der Scharia durchgeführt wird, ist mit der Hexenverbrennung vergleichbar. Die Scharia selbst ist zunächst aber eine religiöse Gesetzessammlung, die interpretiert werden muss, wodurch es naturgemäß auch immer extreme Ausprägungen gibt.

Die Beschneidung von Jungen dagegen ist nicht mit vorangegangen Beispielen vergleichbar. Sie ist keine willkürliche Verletzung von Ungeliebten,  keine Bestrafung von Fehlgeleiteten, sondern eine religiöser Ritus, den man an einem wesentlichen Familienmitglied vornimmt, einem geliebten Kind. Das könnten natürlich auch die Befürworter von Beschneidungen an Frauen behaupten. Beschneidungen von Frauen sind aber niemals Teil einer europäischen Kultur gewesen, sie waren immer schon auf kleine religiöse Gemeinschaften beschränkt, nicht nur muslimische. Die Beschneidung von Jungen ist dagegen Teil einer europäischen Kultur, ein Ritual, das seit Jahrhunderten in Europa und Deutschland vollzogen wird, von europäischen und deutschen Juden, von europäischen und deutschen Muslimen. Beide diese Weltreligionen sind Teil der Kultur dieses Kontinents und damit ist auch die Beschneidung Teil dieser Kultur. Für Moslems und Juden stellt er noch dazu einen wesentlichen Bestandteil ihres Glaubens dar.

Man könnte nun mit einer stichhaltigen Logik behaupten: „Religion rechtfertigt keine Körperverletzung!“. Man würde Recht bekommen! – Von Atheisten sowieso, aber auch von Moslems, Juden, Christen! Mit dieser Logik lässt sich das Problem aber nicht lösen, weil es nicht zweiwertig ist. Es ist nicht einfach nur richtig oder falsch! So wenig wie es richtig oder falsch ist ein Kind abzutreiben, dass wahrscheinlich mit Trisomie 21 zur Welt kommen wird. Hier entscheiden auch Eltern und Ärzte ob körperliche Unversertheit sogar noch über dem Recht auf Leben steht. 90 Prozent aller dieser Schwangerschaften werden abgebrochen. Schmerz scheint der Fötus dabei als Mindestes nicht zu empfinden. Aber auch Schmerz ist nicht nur gut oder schlecht. Schmerz allein ist schon kein Faktum. Bis vor eineinhalb Jahrzehnten war die Ohrfeige eine gesetzlich nicht geahndetes legitimes Erziehungsmittel, eine schmerzhafte Bestrafung um ein ungewünschtes Verhalten des Kindes zu unterbinden. Auch das hat sich zum Glück ein wenig geändert, auch wenn immer noch zu viele Kinder geohrfeigt werden.

Wir denken heutezutage, dass körperliche Verstümmelungen  an „entscheidungsfähigen“ Jugendlichen oder Erwaschsenen eindeutig in deren Verantwortungsbereich fällt. Die können sich dann schmerzhaften Verfahren unterziehen, wie Tätowierungen, Brustvergrößerungen oder Piercings. Notwendig sind die nicht! Und ob sie grundsätzlich frei gewählt wurden, bleibt auch fraglich. Tätowierungen und Piercings könnten gerade bei Jugendlichen ein Akt der Loslösung sein, ein Beweis der Unabhängigkeit gegenüber den Eltern, Brustvergrößerungen, ein schmerzhaftes und gefährliches Zugeständnis an Schönheitsideale.

Ich will das alles nicht werten! – Und tatsächlich bleibt der Fakt bestehen, dass Kinder NICHT in dem Maße entscheidungsfähig sind, wie Erwachsene und dass eine Beschneidung ein schmerzhafter irreperabler Eingriff in den Körper eines Kindes ist. Allerdings ist der Mensch auch ein soziale Wesen, das trotz seiner Individualität auf menschliche Nähe und Kommunikation angewiesen ist. Ein Wesen, dass in eine Gesellschaft eingeführt wird, das notwendigerweise soziale Praxen erlernen muss, bevor es sie in Frage stellt. Entmystifiziert kann die Beschneidung als ein Teil dieses Sozialisationsprozesses betrachtet werden, als  ein Ereignis, das nachwirkt, positiv wie negativ und das zugleich ein Leben einbettet in eine Kultur die Orientierung vorgibt.

Zu lösen ist das Problem nicht! Es sollte aber zu verhandeln sein, in einem offenen Diskurs innerhalb der Gesellschaft, nicht im Gerichtssaal, sondern unter Einbezug der Beteiligten!

Simon Oschwald

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