Space, the final frontier…

Am 21. Juli 2011 landete die Raumfähre „Atlantis“ sicher und wohlbehalten im Kennedy Space Center in Florida. Es sollte ihr letzter Flug sein, seitdem ist das US-amerikanische Shuttleprogramm eingestellt und einzig russische Sojus-Raketen sind derzeit in der Lage, Menschen in den Weltraum zu befördern.
Viele Menschen sind von derartigen Weltraumreisen fasziniert, was sich nicht zuletzt auch in der Beliebtheit von Science Fiction zeigt. Dennoch machen sich wenige Menschen Gedanken über ein paar ganz praktische Fragen. Braucht man beispielsweise für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre eine Genehmigung? Oder noch viel bedeutender: müssen Astronauten im Besitz eines Visums sein, wenn sie in einem fremden Land wieder landen? Führen sie Reisepässe mit, die dann in der kasachischen Wüste kurz nach der Landung erst einmal von Einreisebeamten inspiziert werden? Kann Astronauten die Einreise verweigert, können sie abgewiesen werden? Sind sie am Ende gar noch zollpflichtig?

Natürlich nicht, wird der ein oder andere sagen. Das wäre ja lächerlich. Wäre es das? Was unterscheidet einen Astronauten von einem normalen Reisenden? Lächerlich ist an all diesen Fragen nichts – zeigen sie doch vielmehr nur, wie lächerlich die Selbstverständlichkeit ist, mit der wir Pässe und die Einschränkung unserer Reisefreiheit im Alltag als gegeben hinnehmen.

Natürlich brauchen Astronauten kein Visum – sie gelten als „Boten der Menschheit im Weltraum“ (Art. V Weltraumvertrag). Ihnen stehen sogar spezielle Rechte und Ansprüche zu – eben jener Weltraumvertrag, der auch unter dem prägnanten Titel „Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper“ bekannt ist, eben jener Vertrag garantiert Raumfahrern in Artikel V beispielsweise im Falle eines Unfalls oder anderer Not, einer Notlandung oder Notwasserung „jede mögliche Hilfe“ durch Staaten. „Nehmen die Raumfahrer eine Notlandung oder -wasserung vor, so werden sie rasch und unbehelligt in den Staat zurückgeführt, in dem ihr Raumfahrzeug registriert ist“ (ebd.).

Es wäre zynisch zu sagen, dass bei Bootsflüchtlingen, die auf See in Richtung Europa in Not geraten, diese Rückführung FRONTEX übernimmt und „rasch und unbehelligt“ durchführt. Aber schweifen wir nicht ab, bleiben wir doch bei der Frage: warum akzeptieren wir, beim Flug in die USA nach Ausweispapieren gefragt oder bei der Fahrt nach Tschechien von eifrigen Zollbeamten kontrolliert zu werden, während wir bei Astronauten nie auf die Idee kämen, derartiges zu fordern?
Wir nehmen es als gottgegebene Selbstverständlichkeit hin, gerade so als ob wir ohne unseren Pass nicht existieren würden. In einem gewissen Sinn, der von staatlicher Seite so konstruiert wird, tun wir dies ja auch nicht – ohne Papiere scheint ein Mensch wenig wert zu sein und über reichlich wenig Rechte zu verfügen. Grundsätzlich wird uns Reisenden nämlich erst einmal eine böse Absicht unterstellt. Warum sonst nehmen sich die USA das Recht heraus, Fluggastdaten in großem Stil abzugreifen, sie auszuwerten und zu speichern? Warum sonst kontrolliert man Menschen, wenn man nicht Angst vor ihnen hat? Aber warum akzeptieren wir das, warum lassen wir uns von imaginären Linien auf Landkarten in unserer Bewegungsfreiheit einschränken? Weil Grenzen und Kontrollen uns Sicherheit suggerieren – eine Schimäre, die wir auf Kosten unserer Freiheit nur allzu bereitwillig begrüßen.

Astronauten sind Boten der Menschheit im Weltraum. Zwar dringen sie noch nicht in unbekannte Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat – noch nicht.  Am 22. Mai 2012 hob eine Kapsel des Privatunternehmens SpaceX ab und dockte wenige Tage später an der ISS an. Die zivile Raumfahrt steht zweifelsohne in den Startlöchern, über kurz oder lang wird sich daher die Frage stellen, ob oder wie Reiseverkehr und Migration im Weltall reglementiert werden wird. Werden wir eine Übernahme des staatlich kontrollierten Reisens sehen, in dem jeder Raumfahrer eine wie auch immer geartete Form der Erlaubnis oder Identifikation braucht, um den Weltraum zu betreten oder wieder auf seinen Heimatplaneten oder in sein Heimatland zurückkehren zu dürfen?
Zwar stellte der Weltraumvertrag erste Weichen, indem er die Nutzung des Weltraums und seiner Himmelskörper friedlichen Zwecken vorbehielt und allen Staaten der Erde gleichermaßen das Recht auf deren Nutzung einräumte. Dennoch bleibt fraglich, ob dies von Dauer sein wird und ob die Menschheit zu diesem Zeitpunkt den Zustand der Staatlichkeit bereits überwunden haben wird.

Wir akzeptieren bereits, dass Astronauten als „Boten der Menschheit“ nicht an derart alberne Dinge wie einen Reisepass, Einreisegenehmigungen oder Grenzkontrollen gebunden sind. Bei Astronauten verstehen wir, dass Staatsangehörigkeit bedeutungslos ist – aus dem schlichten Grund, weil Staaten selbst an Bedeutung verlieren, wenn man die Erde verlässt und die Weiten des Weltalls betritt.
Im Weltall und bei unseren Astronauten ist bereits das vollbracht, was auf der Erde selbst, in und zwischen den Staaten, vielen noch undenkbar scheint: Menschen werden im All als Menschen gesehen und nicht als Bürger eines bestimmten Staates. Alle Astronauten sind gleich, weil sie der Lächerlichkeit der Staatenwelt entstiegen und – endlich – nur noch Menschen sind.

Astronauten füllen deshalb keine ESTA-Formulare zur Einreise in die USA aus oder tragen Reisepässe mit sich, weil sie darüber erhaben sind. Sie reisen als Menschen und nicht als Bürger irgendeines Staates. Wir sollten uns also die Frage stellen, was wir in Zukunft sein wollen – Menschen oder Bürger eines Staates?

Marc Rothballer

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