Von Integration und Rassismus

Ein nebeliger Märzmorgen, ich sitze in einer sich langsam durch die Landschaft schlängelnden Regionalbahn. Mir gegenüber sitzt ein Ehepaar, vermutlich Mitte sechzig, sowie deren Tochter. Während die Tochter begeistert in einer Zeitschrift blättert – Mode, Lifestyle, Wellness, es könnte die „Frau am Herd“ gewesen sein; während jedenfalls diese Tochter in besagter Zeitschrift blättert erweitert der Vater sein tagespolitisches Wissen mit Hilfe der Bild-“Zeitung“.

Auf der Titelseite steht in großen Lettern „199.000 Euro Sofort-Rente“, daneben ist das leicht verschmitzt grinsende Konterfei von Christian Wulff zu sehen, dem Gauck-Vorgänger. Der Herr widmet sich anscheinend gerade dem ausführlichen Artikel im Innenteil zur Affäre Wulff, denn er gibt nun, ohne dass die Zeitung sein Gesicht freigeben würde, die folgende Erkenntnis von sich: „Jetzt bekommt der Wulff seinen Ehrensold. Der kostet uns Millionen!“
Seine Frau, die ihm gegenübersitzt, betrachtet derweil die auf sie gerichtete Titelseite der Bild-“Zeitung“ und das sie angrinsende Wulff-Gesicht. Sie ruft entsetzt aus: „200.000 Euro pro Monat bis ans Lebensende! Wie alt ist der denn?“

„Na, so alt ist der noch nicht,“ gibt der Mann durch die Zeitung zu bedenken. Vermutlich hatte sich der Autor des hochseriösen Artikels die Angabe „Christian Wulff (Ex-Bundespräsident, 52)“ verkniffen und ließ den Leser somit im Dunkeln.
„Der kann schon noch 40 Jahre leben – und wir bezahlen ihn dafür!“. Eine seltsame Erkenntnis. Wir bezahlen Christian Wulff dafür, dass er lebt? Ich war bisher der Ansicht, dass Bundespräsidenten a.D. den Ehrensold aus Respekt vor und als Anerkennung für das Amt erhalten. Die Frau jedoch gerät anderweitig ins Grübeln und mathematisiert munter darauf los: „40 Jahre! Das … sind ja … fast 10 Millionen Euro!“.
Während ich kurzfristig an meinem Kücheneinmalseins zweifle, dann aber doch zu der Erkenntnis komme, dass mein Ergebnis von rund 8 Millionen Euro zutreffender ist, betrachtet die Frau die Titelseite und stellt beiläufig die Frage: „Heißt der eigentlich Wulff oder Wolf?“.

Es vergehen einige Minuten, bis der Herr abermals etwas findet, dass ihn echauffiert. Er zitiert aus der Zeitung: „20 Prozent der Muslime in Deutschland wollen sich nicht integrieren!“. Bevor seine Frau fragen kann, was Muslime sind, kommentiert er auch schon den Sachverhalt: „20 Prozent! Das muss man sich mal vorstellen! Denen würd‘ ich was pfeifen! Die sollen sich integrieren oder sie werden abgeschoben! So einfach ist das! Wo sind wir denn? Kommen her und meinen, sie können sich hier aufführen!“.

Seine gesellschaftspolitisch gewiefte Analyse ging noch ein wenig weiter und endete mit der Erkenntnis, dass „wir hier in Deutschland ja die Arschlöcher sind,“, denn „uns“ könne man ja ausnutzen und „wir“ würden für alles bezahlen. Seine Frau sagte nichts dazu, wohl weniger aus Scham über die Dummheit und den latenten Rassismus ihres Mannes, als vielmehr aus schlichtem Desinteresse. Schade eigentlich.

„20 Prozent der Muslime in Deutschland wollen sich nicht integrieren“. Vielleicht stünde es dem Herren gut an, ein wenig nachzudenken über das, was er sagt. Zu gerne hätte mich der Gedankengang interessiert, durch den man von integrationsunwilligen Muslimen auf Abschiebung kommt.
Abgeschoben werden Menschen, die kein Asyl erhalten. Von Flüchtlingen oder Asylbewerbern war aber in der Statistik wohl nicht die Rede. Es ging um Muslime. Keine Staatsangehörigkeit, sondern eine Religionszugehörigkeit. Darunter fallen also Ausländer, Flüchtlinge und Asylsuchende muslimischen Glaubens, Migranten sowie Deutsche, die muslimischen Glaubens sind. Der Herr will also Muslime aus Deutschland abschieben, weil sie sich nicht in Deutschland integrieren wollen – zur Not auch dann, wenn sie Deutsche sind. Wohin möchte er dann Deutsche abschieben, die an Allah glauben?
Vielleicht würde ihm der Kurzschluss in seinem Gedankengang auffallen, wenn er „Muslime“ durch „Christen“ ersetzen würde? Vielleicht ist es aber auch gar kein Kurzschluss, sondern seine aufrichtige, radikale Überzeugung.

Ich erreiche das Ziel meiner Zugfahrt, dort möchte ich meinen neuen Personalausweis abholen. Mein alter Ausweis verlor vor zwei Tagen seine Gültigkeit. Das habe ich nicht bemerkt, es hat weder irgendwo gezwickt noch habe ich deswegen aufgehört zu sein. Würde mich die Bundespolizei am Bahnhof aufhalten und meine Papiere sehen wollen, dann hätte ich ein Problem. Ich hätte nämlich derzeit keine Papiere, zumindest keine gültigen.
Zeuge solcher Ausweiskontrollen bin ich schon oft geworden. Aber selbst kontrolliert wurde ich bisher noch nie. Warum eigentlich? Weil ich weiß bin. Weil ich wohl „deutsch“ aussehe und zur Not auch Niederbayerisch sprechen kann, womit ich dann auch endgültig über jeden Verdacht erhaben wäre.
Aber bald würde ich ja Besitzer eines neuen Ausweises sein, eines gültigen Ausweises. Zwar weiß ich auch ohne, wer ich bin und woher ich komme – der deutsche Staat traut mir aber wohl nicht so weit über den Weg. Und das, obwohl er mich ja als sein Personal, als seine Verfügungsmasse, betrachtet. Personalausweis. Andere Länder haben Identity Cards – Identitätskarten – für ihre Bewohner. Von Personal ist ausschließlich in Deutschland und Österreich die Rede.

Ich teile also der Frau im Bürgerbüro mit, dass ich meinen Personalausweis abholen möchte, damit mein Sein wieder eine Legitimation hat. Während die Dame den Papierkram erledigt und den elektronischen Schnick-Schnack des Ausweises auf meinen Wunsch hin deaktiviert, bekomme ich am Nebentisch ein Gespräch mit: Eine Dame möchte einen neuen Personalausweis beantragen. Sie hat wohl eine doppelte Staatsbürgerschaft, weswegen es zu einigen Verwirrungen mit der Beamten kommt:

„Ich habe die deutsche und die italienische Staatsangehörigkeit,“ sagt die Frau mit einem reizenden, südländischen Akzent.
„Und wie sind Sie Deutsche geworden?“ will die Beamte nüchtern-sachlich wissen.
„Mein Vater ist Italiener, meine Mutter Deutsche,“ sagt die Antragstellerin süßlich.
„Also durch Geburt,“ stellt die Beamte kühl fest.

„Wie sind Sie Deutsche geworden?“ Ja, wie wird man denn deutsch? Indem man als Kind von Eltern geboren wird, die selbst deutsche Staatsbürger sind. Aber wer ist denn überhaupt deutsch – und seit wann? Das Gebiet, auf dem ich das Licht der Welt erblickte, heißt Deutschland. Ein Gebiet, das bis vor 94 Jahren noch Königreich Bayern hieß, vor 1806 dem Kurfürst von Pfalz-Sulzbach unterstand, einige Zeit davor wiederum von Slawen besiedelt und davor größtenteils schlicht Urwald und Niemandsland war. Wer weiß, wie sich das Gebiet in 50 oder 200 Jahren nennen wird.

Nein, durch Geburt wird man doch kein Deutscher! Das behauptet der Staat, um es auf kleine Plastikkärtchen schreiben zu können und so sein Personal zu kennzeichnen. Durch Geburt wird man Mensch – nicht mehr, nicht weniger. Deutsch wird man durch die Erziehung, durch Sozialisation.
Patriot zu sein heißt nicht nur zu denken, dass das eigene Land allen anderen Nationen allein auf Grund der Tatsache, dass man darin geboren wurde, überlegen sei. Vielmehr ist es das auch, weil man dort zu solchem Denken erzogen wurde – und die Tatsache, dass es keinen Unterschied zwischen Deutsch, Kanadisch Armenisch, Malaysisch, Sudanesisch und staatenlos gibt, würde ein Weltbild zerstören. Es würde die eigene Eitelkeit kränken und gewaltig am Selbstwert kratzen – besonders an dem eines Deutschen.

Vielleicht erklärt dies auch den Gedankengang des älteren Herren aus dem Zug von vorhin: Für ihn gibt es zwischen Muslimen, Flüchtlingen, Ausländern, ja wahrscheinlich auch Schwarzen und Asiaten, keinen Unterschied. Sie sind alle anders, und sind sich darin wieder gleich: sie sind alle Nicht-Deutsch; selbst wenn sie in Deutschland geboren wurden, einen deutschen Pass besitzen und deutsch sprechen – sie sind trotzdem anders und bleiben fremd. Gerhard Polt lässt eine seiner Figuren bemerken: „Weiß-blauer Himmel, die Berge, Kirchenglocken und Blasmusik, das ist Idylle – ein Neger passt da nicht rein.“

Dass diese Einstellung zutiefst rassistisch ist, würde der ältere Herr aus dem Zug nie zugeben. Patriotisch, das ist sie schon eher. Mia san mia. Dabei ist ihm aber gewiss nicht bewusst, dass Integration mit solch einer Einstellung nur scheitern kann, weil ihr Gelingen ja gar nicht gewünscht ist.

Während ich diese Zeilen schreibe bin ich auf der Rückfahrt, abermals im Zug. Wir verlassen gerade Regensburg nordwärts, irgendwo hier lag vor rund 1800 Jahren die Grenze des Römischen Reichs zur „unzivilisierten“ germanischen Welt. Bayern gab es damals noch nicht, weder den Staat noch seine Bewohner – letztere kamen erst im Zuge der Völkerwanderung aus Böhmen. Migranten also, allesamt – weiß das die CSU?
Wieder kommt mir der Rassist aus dem Zug in den Sinn. Weiß er eigentlich, dass er als Christ einen jüdischen Araber aus Palästina anbetet, der zudem noch nicht einmal weiß gewesen sein dürfte? Ich denke nicht. Das wäre auch nicht sonderlich deutsch.

Marc Rothballer

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Ein Gedanke zu „Von Integration und Rassismus

  1. „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandekommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ (Bert Brecht)

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