Moral über Bord!

„Ein somalischer Diplomat bestätigte indessen, dass nach [dem Bootsunglück] 16 tote Körper an der Küste von Tripolis angespült worden seien, darunter zwei tote Babies“¹ – diese Meldung bezieht sich natürlich nicht auf die Havarie der Costa Concordia, sondern auf ein gesunkenes Flüchtlingsboot vor der libyschen Küste.
In den letzten Tagen überboten sich die deutschen Fernsehanstalten gegenseitig mit ihren Berichterstattungen über das Unglück der Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio, wahlweise gerne auch als Drama, Tragödie oder Katastrophe tituliert und immer häufiger auch mit dem Untergang der Titanic anno 1912 gleichgesetzt (wobei die meisten Kommentatoren hier „vergleichen“ mit „gleichsetzen“ verwechseln).

Freilich taugen all diese Begriffe nur zu gut, um die Auflagen der Zeitungen zu steigern und die Einschaltquoten der TV-Sender in die Höhe zu treiben. Dass der Begriff „Tragödie“ hier ein sprachlicher Fehlgriff ist, sei einmal außer Acht gelassen. Wenn man sich den nüchternen Zahlen widmet wird die Überzeichnung durch die Medien erst recht deutlich: von 4229 Menschen an Bord der Costa Concordia wurden beinahe 4200 gerettet, 25 gelten gegenwärtig noch als vermisst, elf wurden tot geborgen.
Die Rettungskräfte waren innerhalb kürzester Zeit vor Ort, selbst in Anbetracht der von vielen als chaotisch beschriebenen Zustände während der Rettungsaktion und des fragwürdigen Verhaltens des Kapitäns ist diese Rettung doch recht erfolgreich verlaufen. Natürlich sind 11 Tote – oder wie viele es letztlich auch sein werden – beklagenswert und jedes verlorene Menschenleben ist eines zu viel, ist zu betrauern. Wer bei einer Havarie und einem anschließenden (teilweisen) Untergang eines Schiffes allerdings geregelte Abläufe und Perfektion erwartet, der muss zweifelsohne aus Deutschland stammen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, weder in der Schifffahrt noch sonst irgendwo. Doch dieses Risiko wird liebend gerne ausgeblendet, zumal in der Atmosphäre einer Kreuzfahrt, auf einem „Traumschiff“.

Dass die Passagiere der Costa Concordia und mit ihnen die Medienwelt nun die Schlamperei an Bord des Schiffes anklagen kann daher nur recht und billig sein. Dennoch offenbart die Medienberichterstattung und die kollektive Betroffenheit und Empörung der europäischen (und hier vor allem: der deutschen) Gesellschaft, wie maßlos, ja wie rassistisch sie Unglück als solches doch wahrnimmt.
Natürlich war auch am Tag des Unglücks die übliche Wendung auf allen Nachrichtensendern zu hören: „….unter den Opfern befinden sich soundsoviele Deutsche“. Dieser Satz wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit in der Presseberichterstattung, gerade so, als ob das Ausmaß und die Relevanz einer Tragödie oder eines Unglücks von der Nationalität der Beteiligten abhängen würde. Sind keine Deutschen unter den Opfern, dann ist alles halb so schlimm, wie es scheint.

Wie wenig interessiert es da, dass allein von Beginn des Libyenkrieges im März 2011 bis August desselben Jahres über 1800 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind? ². Am 03. Juni 2011 kenterte vor der tunesischen Küste ein Boot mit mehr als 800 Flüchtlingen –  über 150 davon ertranken³. Einen Monat zuvor richtete der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) noch einen Appell an die europäischen Staaten, die Rettung von in Not geratenen Menschen auf Hoher See zu verbessern⁴. Wer sich ein wenig mit dem Thema der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer beschäftigt, der wird über kurz oder lang auch auf Aussagen von Fischern stoßen, die davon berichten, dass sie immer öfter Leichen in ihren Netzen haben. Es wird vermutet, dass seit 1988 weit über 15.000 Menschen, will sagen: Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind. ⁵. Nur um im Bild zu bleiben: auf der Costa Concordia waren 4229 Menschen, von denen wohl rund 4200 überlebt haben.

Zudem scheint es ein Privileg zahlender Kreuzfahrtpassagiere zu sein, in Seenot auch gerettet zu werden. So berichtete unter anderem der Spiegel davon, dass die Küstenwachen Italiens und Maltas und ein französischer Flugzeugträger in Seenot geratene Flüchtlinge nicht gerettet haben⁶. Dies ist leider kein Einzelfall.

Dennoch wird nun in den letzten Tagen ohne Unterlass und Maß in Sondersendungen über das unsägliche Leid der Passagiere der Costa Concordia berichtet und dem deutschen Zuschauer („Gaffer“ würde auch passen) die Möglichkeit gegeben, seine Expertise auf dem Gebiet der Seeschifffahrt und Seerettung zum Besten zu geben und den erhobenen Moralzeigefinger gegen den Kapitän der Costa Concordia zu schwenken. Zu Hunderten im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge werden weiterhin nur eine Randnotiz in einigen wenigen Zeitungen sein. Vielleicht, weil sie eben keine Deutschen sind. Vielleicht auch, weil Menschen hierzulande über Bootsflüchtlinge ebenso viel oder wenig wissen, wie sie über die Schifffahrt wissen.
Bestenfalls wird das Thema in den kommenden Monaten nochmals auf dem „Traumschiff“ aufgegriffen, aber auch dort wird man es tunlichst vermeiden, die Illusionen und Träume des Zuschauers zu zerstören.

Marc Rothballer

____________

¹ http://www.unhcr.de/print/home/artikel/a3ff97926c3f5d9b0672eac764f63c9d/unhcr-seerettung-im-mittelmeer-dringend-verbessern.html?L=%25D
² http://www.ngo-online.de/2011/08/13/nato-liess-bis-zu-1800-fluchtlinge-im-mittelmeer-e/
³
http://www.unhcr.de/archiv/nachrichten/artikel/6df217af6e4bb8ecb5b0d0f009b6dd35/tunesier-retten-nach-schiffsunglueck-hunderte-boatpeople.html
http://www.unhcr.de/archiv/nachrichten/artikel/679ce43c9587f517d7e43651b508c989/unhcr-seerettung-im-mittelmeer-dringend-verbessern.html
⁵ http://www.migration.ekbo.de/Webdesk/documents/Ekbo003-002/Broschüren+und+Texte/Tote+an+EU-Grenzen+Statistik+2009.pdf.pdf
⁶ 
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761467,00.html und http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Libyen/flucht4.html

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